famenia

Umgangsformen · Von zwei bis zwölf

Tischmanieren, die Türen öffnen

Ein Zehnjähriger, der ein förmliches Abendessen durchsitzt, sich mit dem Erwachsenen zu seiner Linken unterhält und ohne Aufforderung den Tisch verlässt, ist überall in Europa willkommen. Die Ausbildung dauert ein Jahrzehnt und findet zu Hause statt.

Tischmanieren, die Türen öffnen

Manieren handeln nicht von Gabeln, und die Familien, die das verstehen, bringen ihren Kindern etwas Nützlicheres bei als die Reihenfolge des Bestecks: die Gewohnheit, den anderen zu bemerken. Tischmanieren sind nur die sichtbarste Fassung davon. Ein Kind, das sie hat, wird wieder eingeladen; ein Kind, das sie nicht hat, wird besprochen. Und die Ausbildung lässt sich nicht kaufen, weshalb sie so viel wert ist: Sie passiert am Familientisch, jeden Abend, zehn Jahre lang.

Zwei bis vier: der Tisch ist, wo wir essen

Kinder sitzen am Familientisch, sobald sie sitzen können, im Hochstuhl, bei der Mahlzeit der Erwachsenen und nicht bei einem getrennten Kinderessen vor einem Bildschirm. Sie lernen, dass das Essen kommt, wenn alle sitzen, dass wir warten, dass wir danke sagen zu dem, der gekocht hat, dass wir nicht aufstehen, bevor wir entschuldigt sind. Es ist chaotisch, und es ist das Fundament.

Vier bis sieben: Besteck, Serviette, Gespräch

Messer und Gabel richtig gehalten, in der europäischen oder der amerikanischen Art, wie die Familie es hält, aber richtig. Serviette auf den Schoß. Mund zu beim Kauen. Ellenbogen vom Tisch. Um das Salz bitten statt hinüberzugreifen. Und der Anfang des Gesprächs: eine Frage an die Person daneben, eine Antwort mit mehr als einem Wort, eine Lücke abwarten statt zu unterbrechen. Die Eltern machen es vor, indem sie ihre Telefone in einem anderen Zimmer lassen.

Sieben bis zehn: das förmliche Essen

Mit acht kann man ein Kind in ein gutes Restaurant mitnehmen und zu einem förmlichen Essen bei den Großeltern: mehrere Gänge, mehrere Gläser, Tischkarten, eine Karte zum Lesen. Das ist das Alter für die Feinheiten: welches Glas das Wasser ist, wie man Brot bricht, was das Fischmesser tut, wie man zeigt, dass man fertig ist, wie man leise vom Tisch geht, wie man sich bei der Gastgeberin bedankt. Und das Alter für Gespräch als Fähigkeit: drei Fragen bereit für die Erwachsenen links und rechts, eine eigene Geschichte, wenn danach gefragt wird, und das Verständnis, dass Langeweile kein Grund ist, sie zu zeigen.

Zehn bis zwölf: gastgeben

Das Kind, das Gast sein gelernt hat, lernt jetzt Gastgeber sein: den Tisch decken, eine Sitzordnung machen, Gäste an der Tür begrüßen, Getränke anbieten, dafür sorgen, dass mit dem schüchternen Cousin geredet wird, sich beim Gehen von jedem verabschieden. Kindergeburtstage sind das Übungsfeld, siehe das Fest ohne Zirkus. Mit zwölf kann das Kind ein Abendessen tragen.

Die Regeln, die mehr zählen als die Regeln

  • Blick nach oben. Sehen Sie die Person an, die mit Ihnen spricht. Sehen Sie die Kellnerin an, wenn Sie bestellen, und sagen Sie bitte und danke.
  • Niemand isst, bevor alle bedient sind, und der Gastgeber beginnt.
  • Das Personal sind Menschen. Kinder, die mit Koch und Haushälterin aufwachsen, bedanken sich bei jedem Essen mit Namen.
  • Über das Essen wird nicht am Tisch geklagt, sondern später, unter vier Augen, bei einem Elternteil.
  • Am Tisch gibt es keine Telefone, für niemanden, auch nicht für die Eltern, auch nicht im Restaurant, auch nicht beim Frühstück.

Warum es für wohlhabende Kinder mehr zählt

Weil sie beobachtet werden. Das Kind einer bekannten Familie, das unhöflich zu einer Kellnerin ist, ist am Abend eine Geschichte. Das Kind, das charmant zur Kellnerin ist, ist auch eine Geschichte, und eine bessere. Und weil die Welt, in der diese Kinder sich bewegen werden, der Speisesaal des Internats, das förmliche Dinner an der Universität, das Essen mit dem Mandanten, das Mittagessen des Aufsichtsrats, davon ausgeht, dass sie es wissen. Ein Kind, das es nicht weiß, wird nicht korrigiert. Es wird einfach nicht wieder gefragt.

Weiterlesen

Drei weitere aus dem Portal.